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NETSUKE   

Eine der reizvollsten Gruppen des japanischen Kunstgewerbes sind die unter den Namen 'Netsuke' auch inzwischen hierzulande bekannten Miniaturplastiken - nicht zu verwechseln mit den sogenannten Okimono.

Netsuke sind Schnitzereien mit einer durchschnittlichen Höhe oder Breite von 3 bis 5 cm. Sie hatten eine klare Funktion als Gegengewicht für alle Gerätschaften, die man wegen des taschenlosen Gewandes, dem Kimono, am Gürtel hängend mit sich herumtragen wollte. Das fragliche Gerät, z.B. eine mehrteilige Lackdose 'Inro' genannt oder die Stofftaschen zur Aufnahme von Tabak, Geld, Spiegel und dergleichen, wurden mit einer Seidenschnur versehen, die man unter dem breiten, Obi genannten Gürtel hindurch zog. Am anderen Ende dieser Schnur wurde unser 'Netsuke' befestigt, eine Schnitzerei aus Holz oder Elfenbein die an einer Seite zwei Löcher hatte, die mit einem Kanal verbunden waren. Diese Vorrichtung nennen die Japaner Himotoshi (Himo=Faden, tosu=einfädeln, durchziehen). In seltenen Fällen eher bei frühen Netsuke konnte man die Schnur durch einen natürliche Öffnung in der Darstellung ziehen. Ursprünglich benutzte man offenbar für diesen Zweck lediglich ein Stück Wurzelholz; daher stammt der Name, denn 'ne' heißt 'Wurzel' und 'tsukeru' ist die Verbform für hängen.

Die Entwicklung von einem wohl eher gefundenen als hergestellten Stück Wurzelholz zu den uns bekannten, minutiös geschnitzten, menschlichen Figuren oder Tieren führt über die runden, süßen Kuchen, die während der Tee-Zeremonie gereicht werden und die Manju heißen. Ihre Form stand Pate für die ebenso Manju genannten frühesten Netsuke, deren Herstellung durch die siebenbändige Publikation 'Jinrin kunmo zui' aus dem Jahre Genroku 3 (=1690) belegt ist.

Die großen gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen seit der Mitte des 17. Jahrhunderts haben die Schicht der Kaufleute und Handelsherren zu Ansehen und Wohlstand kommen lassen, die ihren Reichtum auch gerne zeigen wollten. Da ihnen das Tragen der Schwerter verwehrt war, suchten sie nach anderen Statussymbolen. Gleichzeitig kam das Rauchen in große Mode und seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden die diversen Verbote des Rauchens in der Öffentlichkeit mehr und mehr missachtet, so dass man sich auch nicht mehr scheute, die kleinen, meist mit silbernen Kopf- und Mundstücken ausgestatteten Pfeifen offen zu zeigen und sie in schlanken Etuis am Gürtel hängend zu tragen, ebenso wie die seidenen oder ledernen Taschen oder die hölzernen Dosen voller fein geschnittenem Tabak.
Da keine geschäftlichen Transaktionen juristische Gültigkeit besitzt - und das ist bis heute so - ohne, dass die Partner ihr persönliches Siegel unter die Schriftstücke, Quittungen etc. setzen, muss man dieses zusammen mit dem Behälter mit der roten Stempelfarbe stets bei sich haben. Für diese Siegel gab es feine Lack-Schatullen, eingeteilt in waagerechte Fächer, in denen alles Platz hatte. In diesen sogenannten Inro wurden auch Medikamente untergebracht oder auch die beliebten Duftpillen, die immer noch von vielen Japanern z.B. während Tagungen zerkaut werden, um dem Gegenüber einen unangenehmen Atem zu ersparen. Es gab also eine Vielzahl an Geräten, die man stets zur Hand haben wollte und die daher mitgenommen wurden, so dass man sich leicht vorstellen kann, wie groß der Bedarf an 'Netsuke' ab Ende des 17., während des 18. und bis ins späte 19. Jahrhundert war. Erst als sich in den letzen beiden Dekaden des 19. Jahrhunderts die bequemere europäische Kleidung durchzusetzen begann, verschwanden die Netsuke langsam von der Bildfläche.

Aber zurück zu den Netsuke bzw. den zunächst aufgetauchten Manju.

Diese meist runden, knopfartigen Manju waren vor allem sehr funktionell: es brach nichts ab und sie blieben auch nicht in den Seidenstoffen von Obi oder Kimono hängen. Was dann Ende des 17. Jahrhunderts und verstärkt im 18. Jahrhundert den Anstoß zu den figürlichen 'Netsuke' gegeben hat, ist bislang unbekannt. In jedem Fall waren diese 'katabori' genannten Netsuke bald ungleich beliebter, denn wir begegnen ihnen heute in einem Verhältnis von 90 zu 10 in allen Netsuke-Sammlungen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts scheinen Manju wieder mehr in Mode gekommen zu sein, als sich einige versierte Schnitzer der Edo-Schule im heutigen Tokyo ihrer vermehrt annahmen, wie u.a. die Schnitzer der KIKUGAWA-Gruppe. Die Gestaltung eines Manju erfordert sehr viel Phantasie und Können, denn auf einem Durchmesser von maximal 4 Zentimetern - oft unter Einbeziehung von Rand und sogar Unterseite - musste eine erkennbare Darstellung angebracht werden.

Vergleicht man die Darstellung auf den Manju mit denen der Katabori-Netsuke, dann fällt auf, dass der Anteil an historischen und legendären Personen ungleich größer ist. Tiere alleine kommen so gut wie gar nicht vor und auch die allgemein in Japan so beliebten Pflanzen sind eher selten. Allenfalls haben die runden Blüten von Chrysantheme und Päonie manche Künstler bewegt, ihr technisches Können beim Schnitzen und Unterschneiden eines jeden Blütenblattes unter Beweis zu stellen.
Die Kenntnis der zahlreichen Heldentaten von Samurai während der wechselvollen Geschichte Japans war offenkundig in der zweiten Hälfte des 19. Jh. noch sehr weit verbreitet. Für uns heutige Betrachter bedarf es oft längerer Recherchen, um die Kämpfer zu identifizieren. Es ist schon begeisternd zu sehen, mit welcher Akribie der Künstler die Darstellung vorwiegend in versenktem Relief in den runden Fond geschnitzt hat. Jedes Haar der Personen, die feinen Muster auf den meist reichen Gewändern - manchmal auch Rüstungen und Waffen -, alles ist minutiös graviert und durch dunkle Einfärbungen akzentuiert.

Eine Variation dieser Manju stellen die Kagamibuta dar, die auf derselben runden Grundform basieren. Hier kommt es nun zur Mitarbeit eines Metallkünstlers, denn auf der runden, schüsselartigen Unterseite liegt ein loser Deckel aus Metall, der auf der Innenseite eine Öse hat. Die Schnur, die das Netsuke mit dem zu haltenden Gerät verbindet, wird durch ein Loch im Zentrum der unteren Kapsel geführt und dann durch die Öse gezogen. Diese Schnur hält obendrein die Deckelplatte in der richtigen Position auf der Kapsel. Der Gestaltung dieser Metallplatte, meistens aus einer der vom Schwertschmuck bekannten Legierungen wie Shibuichi, Shakudo, oder Sentoku, seltener aus Silber, Gold oder Eisen, nahmen sich die Hersteller des Schwertschmucks an. Sie versahen diese Platten mit Dekoren aus hoch oder flach getriebenem Relief, mit gravierten, gepunzten, tauschierten und durchbrochenen Motiven, die wiederum große handwerkliche Fertigkeiten und gestalterischen Einfallsreichtum verlangten.

Bei den Metallkünstlern, die ursprünglich für den Schmuck der Schwerter zuständig waren, verwundert es natürlich nicht, dass sie aus dem reichen Schatz der Legenden, die sich um die großen Schlachten ranken, viele ihrer Sujets bezogen haben.

Neben den beiden Formen 'Manju' und 'Kagamibuta' entwickelte sich aber auch sehr bald die figürliche Gestaltung der Netsuke, die die Japaner zwecks Unterscheidung 'katabori'-Netsuke- nannten.

Die sieben Glücksgötter, Heilige, mythologische Menschen und Tiere, die einheimischen und exotischen Tiere, Blumen, Früchte aber auch Szenen und Gegenstände des täglichen Lebens u. v. m. bilden ein schier endloses Reservoir an Themen, aus dem die Schnitzer seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis ca. 1900 ihre Ideen bezogen. Lassen wir einen kurzen Streifzug durch den Themen-Wald machen:

Die sieben Glücksgötter (Shichi Fukujin) haben keineswegs das Fluidum transzendenter Unnahbarkeit, nicht einmal die unanfechtbare Würde eines Gottes, wie er in der westlichen Gedankenwelt nicht anders denkbar ist. Japaner haben eine fast gegenteilige Meinung von ihren Glücksgöttern: sie haben menschliche Fehler und Schwächen wie z.B. die stets zu einem Flirt aufgelegte einzige Dame der Gruppe Benten, die bei einigen der Mit-Götter auch damit auf rege Antwort stößt. Der die Kinder liebende, dickbäuchige Hotei ist stets zu Scherzen mit seinen kleinen Freunden aufgelegt, lässt sich von ihnen die Barthaare auszupfen oder die Ohren reinigen und wenn sie es ihm zu toll treiben, muss er sie auch einmal aus seinem Schatzbeutel herausschütteln. Sein Genosse Fukurokuju, dessen Kopf wegen der enormen Menge der darin verstauten Weisheit stark verlängert ist, ist bei den, den fleischlichen Genüssen sehr zugetanen Japanern zum Sex-Symbol avanciert: der Schädel gerät stets zu einer eindeutig phallischen Form. Der dritte in diesem Bunde, <>Daikoku, zeigt schmunzelnd auf eine gegabelte Rübe, deren eindeutige Form unanständige Assoziationen weckt, die ihm sichtbar ins Gesicht geschrieben sind. Jurojin mit seinem Hirsch und der Schriftrolle wirkt schon ein wenig esoterischer, hingegen strotzt der auf seinem Karpfen reitende Ebisu nur so vor Lebensfreude und der die Welt im Norden beschützende Bishamonten ist eine eher martialische Figur mit einem starken Hang zum Sake und dem schönen Geschlecht.
Unter den legendären Gestalten finden sich taoistische Unsterbliche, Eremiten, die mit Blätterkleid und Astknotenstab durch die Berge ziehen, oft mit merkwürdigen Tieren zusammen, wie Gama mit der dreibeinigen Kröte oder Chokwaro, der sein Reittier, ein Pferdchen, in einem Flaschenkürbis aufbewahrt und es nur bei Bedarf hervorzaubert.

Der aus China stammende Kalender basiert auf einem 60-Jahre Zyklus, der aus einer Kombination der 12 Tiere des Zodiac (Junishi) mit den vier Elementen Holz, Feuer, Metall und Wasser besteht. Die zwölf Tiere Ratte, Ochse, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Keiler finden wir oft unter den Netsuke, aber ihre Beliebtheit ist sehr unterschiedlich. Die Ratte und den Affen, Symbole für Fruchtbarkeit, Reichtum und Fähigkeit, treffen wir sehr häufig an. Auch der für seine Treue bekannte, jedoch in Japan nicht heimische Hund begegnet uns oft als Netsuke, wurde er doch als Omen für eine leichte Geburt jeder Frau in die Hand gegeben. Ochse, Tiger und Hase, auch das in den Shinto-Schreinen und wegen seiner Virilität geschätzte Pferd sind regelmäßig zu finden, hingegen machen sich Drache und Schlange ziemlich rar und jeder Sammler hat gewisse Mühen, einen Hahn, eine Ziege oder einen Keiler zu finden.
Ein sehr beliebtes Tier ist der legendäre Shishi, ein löwenartiges Tier, das als Spalier vor den Tempeln in China anzutreffen ist. In einer spielerischen Version mit einem Brokatball zwischen den Pfoten oder im Maul, manchmal als Mutter mit einem oder zwei Jungen, ist es ein oft portraitiertes Biest.

Sorgfältige Naturstudien sind die Voraussetzung für die getreue Wiedergabe des Kopfes von einem Hund im Gegensatz zu dem einer Welpe: die Ohren, die Schnauze, die Beine mitsamt den Pfoten, sagen dem Betrachter viel über die handwerklichen Fertigkeiten des Schnitzers.

Wer sich länger mit den Tierdarstellungen bei Netsuke beschäftigt hat, sieht die Handschrift des KOKEI bei einer zotteligen Bergziege, ohne die Signatur überhaupt lesen zu müssen. Die maskuline Kraft eines aggressiv dreinblickenden Tigers mit umgewandtem Kopf und einem langen, in Serpentinen hochgeschwungenen Schwanz verrät die Hand des Meisters TOYOMASA, der sich auch als Schnitzer von Keilern, Affen und Kröten hervortat.

Hin und wieder wurde die Kraft des Ausdrucks noch weiter akzentuiert durch eingelegte Messing-Augen und überproportional große Pfoten wie bei den Tieren des Tanaka Minko, vor allem seinen Tigern.

Den Zenit der kraftvollen aber auch sensibel im Detail dargestellten Tiere - fast ausnahmslos aus Elfenbein - erreichte die Kyoto-Schule. Die ovalen, kissenförmigen Ausbuchtungen über den Augen, die dicken Pfoten ebenfalls mit einem Art Kissen im Zentrum sind das Markenzeichen des TOMOTADA. Sein Schüler OKATOMO übernimmt vieles von seinem Lehrer, dennoch unterscheiden sich seine Tiere durch das typisch feine und reizende Gesicht und eine geradezu feminine Feinheit; obendrein sind sie allesamt kleiner als die des TOMOTADA.. Der Star der Kyoto-Schule aber ist MASANAO, nicht zu verwechseln mit einer ganzen Linie von Namensvettern aus Nagoya. Die Mischung zwischen realistischer Kraft, gepaart mit bewegender Eleganz im Gesichtsausdruck ist unübertroffen.
Noch ein Wort zu TOMOTADA.. Er ist zwar offenbar der Erfinder der Darstellung des liegenden Ochsen, mal alleine, mal mit dem Jungtier, jedoch sind nicht einmal ein Prozent der Ochsen-Netsuke, die seinen Namen tragen, von seiner Hand oder wenigstens zeitgenössisch aus seiner Schule. Man achte besonders auf den Kopf mit Augen und Ohren und die unter den Körper geschlagenen Beine. Sind sie flach und staksig, dann ist das Stück meilenweit entfernt von dem originalen Entwurf, nicht zuletzt auch zeitlich gesehen.

Unter den Künstlern des ausgehenden 19. Jahrhunderts möchte ich noch auf den versierten KAIGYOKUSAI zu sprechen kommen und den raffinierten MITSUHIRO.

In der meisterlichen Beherrschung des von ihm mit besonderer Sorgfalt ausgewählten Elfenbeins (vorzugsweise von 7 Jahre alten Bullen) ist KAIGYOKUSAI unübertroffen. Er komponiert ein Stück vollendet unter der Wahrung der naturalistischen Wiedergabe und arrangiert es obendrein höchst funktionell. Sein sitzender Kranich aus der Sammlung von Kenzo Imai in Kyoto ist einer Wunder der Perfektion. Er schafft es auch, in ein rundes Manju von einem Durchmesser von 4 bis 5 cm, alle 12 Tiere des Tierkreises so zu komponieren, dass jedes Tier in einer typischen Haltung porträtiert ist und die Komposition aller 12 Tiere zusammen in einem Rund von 4 bis 4,5 cm vollendet gewahrt ist. Spielende Welpen oder Kaninchen, zu einem Knäuel zusammengefügt mit minutiös graviertem Fell sind ebenso perfekt wie seine in Bernstein geschnitzte Chrysanthemenblüte in der Sammlung Brockhaus oder die von Bushell in Collector’s Netsuke publizierte Gruppe von Päonien.

Mein erklärter Favorit unter den berühmten Netsuke-Schnitzern ist OHARA MITSUHIRO. Auch er hat Wasservögel geschnitzt wie KAIGYOKUSAI, aber seine Enten sind klarer und vereinfachter in der Form dargestellt und geben so aber deutlicher die typische Haltung und Silhouette des Tieres wieder. Obendrein verleiht er seinen Stücken eine taktile Qualität mittels einer hinreißend glasigen, teils transparenten Patinierung.

Besonders reizvoll finde ich die schlichten Gegenstände des täglichen Gebrauchs, die er mit subtilem Gespür für das Wesentliche wiedergibt. Er beherrscht offenbar alle Materialien gleichermaßen, so ist er imstande, einen eisernen Teekessel aus Ebenholz zu schnitzen, dessen Oberfläche jedoch wie verrostetes Eisen aussieht und sich auch so anfühlt, ebenso suggeriert ein in Kakiholz geschnitzter Chawan die Oberfläche einer Raku-Keramik. Kein Gerät ist ihm zu profan, eine Sake-Schale in Form eines Flaschenkürbisses, ein Dachziegel, ein Stück Holzkohle oder eine Spielzeugtaube.

Das bevorzugte Material war das aus Indien und Afrika importierte Elfenbein, ein rares und auch teures Material, das eine sehr sorgfältige Nutzung unter Verwendung jeden noch so kleinen Stückes z.B. für die Herstellung von Ojime mit sich brachte. Auch die Zähne des Pottwales, des Narwales, des Spermwales und des Walrosses fanden Verwendung, daneben viele der einheimischen und importierten Hölzer, ferner Bambus, Hirschhorn oder sogar Steinzeug und Porzellan, Steine und Metall. Das bevorzugte Holz war das harte, feinmaserige Buchsbaum.

An dieser Stelle muss man das Lob des japanischen Kunsthandwerkers anstimmen. Das Studium des zu verwendenden Materials, seine Härte und andere Eigentümlichkeiten sind die ersten Schritte, daneben kann man von einer meisterlichen Beherrschung der diversen Schnittmesser, Stichel und Poliermittel ausgehen. Der natürliche Verlauf der Holzmaserung oder der des Nervenkanals bei den Zähnen wird bei der Auswahl des Sujets berücksichtigt. Bis zu einem gewissen Punkt hängt die Wahl der Darstellung von den natürlichen Gegebenheiten des Materials ab. Im Gegensatz zum europäischen Künstler, der seine eigene Inspiration an den Anfang setzt, ist der japanische Schnitzer bereit, den Gegebenheiten des Materials zu folgen und seinen Entwurf diesen unterzuordnen. Deutlich zeigen das die ringförmigen Risse, zu denen Elfenbein neigt, und die - da offenbar während des Schnitzens aufgetreten - anschließend mit der Gravur eines rundgelegten Zweiges in die Komposition einbezogen wurden. Auch die ästhetisch schöne "Schwalbenschwanz-Reparatur" ist die unmittelbare Antwort auf einen Riss im Material.

Das glasige und poröse Zentrum des Walrosszahns findet sich an Stellen, wo es entweder nicht auffällt oder bewusst, quasi als Dekor, in die Darstellung einbezogen wurde. Das geschieht auch mit der schräg tordierten Epidermis des Narwal-Zahnes, die so belassen einen interessanten Sockel für ein darauf sitzendes Tier abgibt.

Die starke Maserung des aus Indonesien importierten sogenannten Tagayasan-Holzes wird dadurch akzentuiert, dass man die weichen Stellen mit einer harten Bürste entfernt und so eine noch kontrastreichere Maserung erzeugt.

Nachdem ich mich nun fast 40 Jahre mit Netsuke beschäftigt habe, weit mehr als 100.000 Stück in diversen Katalogen beschrieben habe, so haben diese feinen, kleinen Schnitzereien immer noch nicht die Faszination eingebüßt, die sie von Anfang an auf mich ausgeübt haben. Es befällt mich keineswegs Langeweile oder das Gefühl: na ja, schon 100mal gesehen, denn erstens ist die Variation der Darstellungen schier unerschöpflich, die jedes Mal individuell geschnitzten Details des hundertsten Shishi oder Affen. Auch wenn sich die großen Figuren, die im ausgehenden 17. und 18. Jahrhundert offenbar Mode waren, ähnlich sind, so überrascht doch immer wieder das Abweichende, Individuelle einer jeden Skulptur. Oben habe ich versucht, auf die Besonderheiten der Tier-Darstellungen anhand einiger großer Schnitzer einzugehen, aber auch die zahllosen Geräte, Früchte und Szenen des täglichen Lebens verraten die große Phantasie der japanischen Netsuke-Schnitzer, auch ihre mitunter hinreißende Komik, z. B. bei den seltenen erotischen Darstellungen. Es gibt so gut wie nichts, was es nicht als Netsuke gibt. Das ist der Reiz dieser kleinen Juwelen.

last updated by mh! at 04.09.2007 10:54

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